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Blick hinab Richtung Maschine der SS Turkia.

Weit im Norden des Roten Meeres, elf Stunden Fahrt gegen die Welle, erreicht die Seawolf Soul ihr Ziel. Mehr als die halbe Strecke von Hurghada nach Suez, dem Tor zum Mittelmeer, hat sich das Safariboot den langen nordwestlichen Ausläufer des Roten Meeres hinauf gekämpft. Eine Gruppe von 16 wrackbegeisterten Tauchern und Unterwasserfotografen hatte sich zum Ziel gesetzt, nach diesem lange vergessenen Frachter im Golf von Suez zu suchen: Der SS Turkia.

Viele Informationen über den etwa 91 Meter langen und 13 Meter breiten Frachter waren nicht zu finden: Keine tragisch spannenden Geschichten von Kampfbombern und dem großem Knall wie bei der SS Thistlegorm oder der Rosalie Moller. Keine Tragödie wie bei der Salem Express. Scheinbar ist die Turkia einfach irgendwo zwischen Rotem Meer und dem Mare Nostrum abgesoffen. Manche behaupten, sie wäre im Krieg versenkt worden, wie ist unklar. Andere sind der Meinung, eine Explosion in Laderaum 3 führte zur Havarie der Turkia. Dies klingt nach der logischeren Variante, denn die SS Turkia wird nirgends als Kriegsverlust aufgeführt. Nun, ich bin Fotograf, kein Historiker, und klügere Köpfe haben sich darüber schon die Haare gerauft. Mir geht es auch primär nicht um die umstrittenen Fakten oder Legenden zum Untergang, sondern um das, was man wirklich zu sehen bekommt.

 

Die SS Turkia steht aufrecht auf dem Kiel auf einem 24 Meter tiefen, sandigen Grund. In der grauen Morgenstunde vor dem ersten Tauchgang können wir den Leuchtturm von Zafarana in der Ferne erahnen. Mehr möchte ich zu den Koordinaten nicht sagen. Taucht man ab, schwebt man über einem von Korallen bedeckten, wunderbar erhaltenem Frachter. Es gibt jede Menge zu erkunden – sowohl an Deck als auch im Wrack selbst. An vielen Orten hängen Fischernetze über den Aufbauten. Da der Fischreichtum um das Wrack herum den lokalen Fischern bekannt ist, werfen sie hier sehr oft ihre Netze aus. Auch als wir dort tauchen, liegen drei kleine Boote über dem Wrack.

Beim Abtauchen ist das Wrack der SS Turkia wegen der großen Fischschwärme nur schwer zu erkennen

Beim Abtauchen ist das Wrack der SS Turkia wegen der großen Fischschwärme und der Wassertrübung nur schwer zu erkennen.

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Lässt man sich durch den Teppich aus Barrakudas fallen, entdeckt man unberührte Aufbauten.

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Dann schließt sich der Schwarm wieder und beginnt zu kreisen.

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Blick vom Deck der SS Turkia Richtung Seawolf Soul.

Das Wrack wird, seit wir Anfang 2013 mit den ersten verwertbaren Bildern hochkamen, als die zweite Thistlegorm gehandelt. Diesen Vergleich kann ich nicht ganz verstehen – möglicherweise, weil ich die Thistlegorm nicht aus den Anfangstagen kenne. Eventuell auch, weil es kompletter Humbug ist.

Schon die natürlichen Gegebenheiten unterscheiden die beiden Wracks stark. Die wesentlich kleinere SS Turkia liegt im immer flacher zulaufenden Golf von Suez, die SS Thistlegorm dagegen ein Stück außerhalb des Golfes, bereits im strömungsreichen Wasser vor dem Sinai. Das wirkt sich besonders auf die Sichtweiten aus. Die tiefer liegende Thistlegorm ist oft schon von der Wasseroberfläche aus gut auszumachen, die nur zehn Meter tief liegenden Aufbauten der Turkia schälen sich erst beim Abtauchen aus dem von Sediment eingetrübten Wasser. Die Sichtweite im Golf von Suez betrug bei keinem unserer Tauchgänge mehr als zehn Meter. An der Thistlegorm sind 25 Meter durchaus möglich. Dafür treten an der Thistlegorm bisweilen starke Strömungen auf, das Wasser bei der Turkia war sowohl an, als auch unter der Oberfläche extrem ruhig: kaum Welle, keine Strömung.

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SS Thistlegorm. Blick aus etwa 15 Metern Tiefe zur Oberfläche. Die Sichtweite war hier deutlich größer.

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Bugkanone der Thistlegorm. Das Wrack ist voller spektakulärer Fotomotive.

Ich konnte keine Panzer, Eisenbahnen, Kanonen, LKWs oder Motorräder auf der Turkia entdecken. Die Ladung besteht hauptsächlich aus Reifen und Kabeltrommeln, man findet auch Besteck, Weinflaschen und Kleidungstücke. Nichts so Großes wie auf und neben der Thistlegorm.  Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass die Thistlegorm selbst um einiges mächtiger ist und deshalb auch eher zum Transport von Zügen und LKWs geeignet war. Dieser Punkt geht für mich klar an die altbekannte Dame.

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Kabelrollen neben dem Wrack der Turkia. Die Ladung ist weitaus unspektakulärer als die Eisenbahn oder die Lkws voller Motorräder auf der Thistlegorm.

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Reifen in einem Laderaum der Turkia.

Allerdings befindet sich das Wrack der Turkia in einem wesentlich besseren Zustand als das der Thistlegorm. Nichts ist geplündert, abgerissen oder verbogen. Kein einziges Stahlteil ist geschliffen und poliert von den Händen und Flossen tausender Besucher.

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Der Bewuchs der SS Turkia ist in einem außergewöhnlich guten Zustand.

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Sowohl der Korallenbewuchs, als auch die riesigen Jungfischschwärme machen einen Tauchgang zu einem unglaublichen Erlebnis. Das Wrack war zum Zeitpunkt unseres Besuchs von so vielen jungen Barrakudas eingehüllt, dass die Umrisse des Stahlmonsters nur als wabernder Fischschwarm zu erahnen waren. Erst beim Näherkommen zerteilte sich der lebende Vorhang und gab die Sicht auf die Aufbauten frei. Tauchten wir tiefer in die Laderäume oder an den Aussenwänden herab, schloss sich der Schwarm und man hatte das Gefühl, zwischen der an der Oberfläche wartenden „Soul“ und uns Tauchern würde eine Zwischendecke eingezogen.

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Einige Netze der Fischer haben sich in der Schraube der Turkia verfangen.

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Der Maschinenraum.

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Der abgeknickte Mast des Ladekrans ragt in der Nähe der Schraube vom Deck. Fischernetze hängen wie alte Wäsche herunter.

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Die Leiter in den Maschinenraum.

Leitern, Gänge, Ladung und Aufbauten – all das sieht super aus und ist in einem Zustand, den man von einem 1941 gesunkenen Wrack im Roten Meer erstmal nicht erwarten würde. Bei genauerer Betrachtung wird die Turkia aber sicher nicht mit der Thistlegorm gleichziehen. Und das ist auch gut so. Die Thistlegorm wurde knapp 20 Jahre lang so stark betaucht, dass von der ehemaligen Pracht nicht viel übrig ist. Durch die Atemluft von hunderttausenden Tauchgängen wurde die Korrosion der Metallteile des Wracks beschleunigt. Heute überlegt man sich bereits, wann die auf dem Oberdeck befestigten Eisenbahnwagons wohl in das Wrack einbrechen. Also eine „zweite Thistlegorm“ ? Nein, danke!

Die Turkia liegt zwar in einer wesentlich besseren Tauchtiefe, und überambitionierte Tauchreiseveranstalter beginnen auch schon, genau an diesem Wrack Kurse und Wrack-Specialties anzubieten. Trotzdem dürfte sich wenig an der Tatsache ändern, dass dieses Kleinod 12 Stunden vom nächsten Hafen entfernt liegt. Das kostet Diesel und sehr, sehr viel Zeit.

Da der Golf bis auf dieses Wrack aus Sicht von uns Tauchern nicht viel zu bieten hat, wird in nächster Zeit sicher auch keine Basis dort mitten in der Wüste eröffnen, um die Turkia von der Landseite aus anzusteuern.

Daher können die Wenigen, die einen Platz auf einem der Safariboote ergattern können, sich hoffentlich auch in Zukunft über ein unversehrtes Wrack freuen. Anscheinend schaffen es die Taucher, Anbieter und die Locals diesmal, ein Wrack länger als fünf Jahre in einem vernünftigen Zustand zu (er-)halten. Zwar nicht absichtlich, aber immerhin! 😉

 

Hier noch einige Eindrücke der SS Turkia: click image to enlarge

 

 

Text und Fotos: Sven Peks
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